Interview für Lizzy.Net.de

Interview mit Stefanie Treiber, Inhaberin des Upcycling-Designlabels oxnblt.köln und nun Upcycling-Expertin in der WDR Servicezeit

Sie haben bis vor kurzem noch mit der Designwerkstatt oxnblt.köln ein eigenes Label für Upcycling-Produkte betrieben. Nun sind Sie Upcycling-Expertin in der WDR Servicezeit. Sind Sie eine waschechte Upcycling-Aktivistin?
Bei dem Fernsehformat könnte man das durchaus so sehen, da ich dadurch eine relativ große Anzahl an Menschen erreiche. Aber im Grunde geht es mir eher um Inspiration als um Überzeugung - ich möchte die Menschen mit meinen Produkten und Ideen erreichen und zum Selbermachen anregen. Es ist unglaublich, was man alles aus alten Sachen machen kann.

Was waren die Beweggründe – und sind es vielleicht noch? – aus nicht mehr gebrauchten Materialien etwas Neues, Sinnvolles zu bauen?
Die Beweggründe liegen in unserer Wegwerfgesellschaft. Ich tue mich einfach schwer damit, Dinge wegzuwerfen, in die jemand Arbeit und Mühe gesteckt hat und für die die Natur ihre Rohstoffe hergegeben hat. Und man kann aus fast Allem noch etwas machen.

Sie haben nach Ihrer Ausbildung zur Bühnenplastikerin unter anderem für die Filmbranche und auf verschiedenen Messen und Events gearbeitet, was ja wahrscheinlich sehr Material-intensiv war und wovon der kleinste Teil vermutlich je Wiederverwendung findet, oder? Was passiert mit all den Messeständen, Kulissen und Objekten, wenn sie nicht mehr gebraucht werden?
Das ist hochdramatisch und hat mich sehr schockiert, als ich das erste Mal auf einer Messe beim Abbau dabei war. Da werden richtig gute Materialien einfach aus Mangel an Zeit und Geld direkt in die Mülltonne geworfen. Das muss man sich mal vorstellen, es ist günstiger, stapelweise Holzplatten vor Ort im Mischcontainer zu entsorgen, als einen Rücktransport zu bezahlen. Anfangs habe ich noch versucht, gute Materialien zu "retten", aber irgendwann war meine Werkstatt dann auch voll.
Abgesehen von der ganzen Arbeit und dem Herzblut, die man als Gestalter in die Exponate steckt, die dann nach 3 bis 5 Tagen ebenfalls in der Tonne landen... Naja, die Erfahrungen haben mich auf jeden Fall dazu gebracht, upzucyceln, das ist auf jeden Fall nachhaltiger und sinnvoller.


Gibt es in der Branche ein (selbst-)kritisches Nachdenken über den Ressourcenverbrauch und Ideen, wie man die „Materialschlachten“ eindämmen könnte? Bzw. wohin man wiederverwendbare Teile abgeben könnte?
Ich hatte das Glück, einen Kunden zu haben, der versucht hat, alles Mögliche zu tun, um z.B. CO2 zu reduzieren oder umweltbewusster zu produzieren und auch Materialien wieder zu verwenden. Aber das ist die Ausnahme. Es ist sogar meiner Meinung nach in den letzten 10 Jahren, in denen ich Teil dieser Branche bin, schlimmer geworden. Alle wollen höher, schneller, weiter und vor Allem größer sein als die Konkurrenz und das führt zu einer immer größeren Verschwendung an Manpower, Materialien und Energie.
Da muss jeder für sich wissen, wie weit er gehen möchte. Ich für meinen Teil habe mich aus der Produktion für die Industrie rausgezogen, da ich es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.

Upcycling ist ja zurzeit ein Megatrend, der allerdings auch seltsame Blüten treibt: z.B. der Verkauf von neuen Paletten, um daraus Upcycling-Möbel zu bauen… Was ist Ihre Haltung dazu? Und kann der Upcyclingtrend dazu beitragen, das Bewusstsein über unseren ökologischen Fußabdruck zu schärfen, wie wir das mit unserem Projekt „Besser machen“ vorhaben?
Auch beim Upcycling sollte man genau hinschauen und den Markt beobachten. Sobald etwas zum Trend wird, gibt es immer Menschen, die daraus Profit schlagen wollen. So geht es nunmal in einer Martwirtschaft zu. Da darf man einfach nicht naiv sein und sollte seinen gesunden Menschenverstand einschalten.
Aber ich muss auch sagen, dass man teilweise ein bisschen toleranter sein sollte, denn aus Erfahrung weiß ich, dass man es so gut wie nie schafft, ein Produkt zu 100% upzucyceln. Letzten Endes zählt doch die Idee und der Wille. Ob man jetzt z.B. neues Garn verwendet oder nicht ist mir persönlich dann auch egal.
Was mir jedoch nicht egal ist, ist der ökologische Fußabdruck. Da würde ich mir ein bisschen mehr Unterstützung aus der Politik wünschen. Gerade für uns produzierende Selbständige ist es super schwer, auf ein Auto zu verzichten. Ich fahre z.B. einen Diesel Transporter, was nicht wirklich gut ist für die Umwelt - aber da fehlen mir die Alternativen und das nötige Kleingeld, um daran etwas zu ändern. Zudem lebe ich auf dem Land, also eine verzwickte Lage.

Was raten Sie Upcycling-Anfänger_innen, die etwas Sinnvolles widerverwenden wollen?
Der beste Tipp den ich geben kann ist: schaut euch die Formen der Rohstoffe und der Materialien an und überlegt, wo ihr ähnliche Formen gesehen habt bei Dingen, die ihr brauchen könntet. So lernt man das "Um-die-Ecke-denken". Man sollte sich weniger auf das fertige Produkt konzentrieren, sondern eher auf die Funktion und die Form. Und: einfach machen!

Hat Sie persönlich die Beschäftigung mit dem Thema Upcycling verändert im Hinblick auf Konsum und Umwelt?
Nein eher nicht. Ich war schon immer umweltbewusst veranlagt. Schon als Kind habe ich mit meinem Vater aus Sperrmüllsachen Seifenkisten gebaut. Das war herrlich! Das Upcycling hat mir eher die Möglichkeit gegeben, mich frei austoben zu können mit wenig Mitteln. Wobei - ich habe mich durchaus schon öfters dabei ertappt, wie der Satz: "Stopp, nicht wegwerfen, daraus kann man noch was machen!" aus meinem Mund kam...ja doch, Upcycling hat mein Bewusstsein ein wenig verändert.

Das Interview ist Teil des LizzyNet-Projekts

Das Interview führte Rosi Stolz